Samstag, 20. November 2010

Der Hut



Ich setze meinen Hut auf und werde Kind.

Ganz groß und Furcht einflößend sieht die Welt schon aus von hier unten. Aber irgendwie auch doch nicht. Eigentlich recht angenehm.

Ein Schritt nach vorn, ein schritt zurück und ein großer Sprung nach vorn. Ganz leicht und unbeflügelt gehe ich nun den Weg entlang vorbei an großen Bäumen.

Ein prüfender Blick zurück und weiter geht’s. Ich summe die Melodie, die mich auf Trab hält, doch breite ich die Flügel aus, spüre ich nichts.



Kind sein, das mag ich.



Des Gedächtnis’ Kopien sind zahlreich. Leicht verschwommen, aber farbenfroh und doch leicht erkennbar, wenn auch nicht beschreibbar.



Ein Schritt nach vorn, ein Schritt zurück.



Ich ziehe die Arme ein mit leichtem Widerstand und dreh’ mich um die eigene Achse.

Hoppla, auf dem Boden sollte ich nicht landen. Noch ein Blick umher, nach vorne und zurück und auf.

Treff ich den Wolf, so frag ich ihn nach Mut, den ich damals verlor, als Verstand ging. Vielleicht sah er ihn, der Wolf. Vielleicht hilft er mir bei der Suche. Oh doch, ich glaub’ es fest.



Zwei Schritt’ vor, ein Schritt zurück.



Ich rücke meinen Hut zurecht. Fein will ich aussehen, wenn ich den Weg entlang gehe, das schönste Kleid trage ich. Es lohnt nicht, doch es kümmert mich nicht. Ich fühle mich wohl und mag es so.

Noch ein Blick zurück. Alles sieht so fern aus, als wäre ich nie da gewesen. Ich greife nach dem Wölkchen und greife doch ins Leere. Mag es haben, aber doch nicht willenlos.

Begleiten soll es mich, solang es mag. Mein stetiger Begleiter sein und mit mir spielen, mir helfen in der Not. Doch zwingen mag ich’s nicht. Sicher bin ich mir, dass es mir dennoch folgt. Ein schlechter Mensch, das bin ich noch nicht.



Komm, Wölkchen, komm.



Eine leichte Brise weht es hinter mir her, tanze ich den Weg entlang immer weiter wie die Melodie mich zieht. Ich spüre den sanften Ruck an meinen Armen, doch beachte ihn nicht. Ich sehe den feinen Faden, doch beachte ihn nicht. Zu aufregend ist der Tanz der Kindheit.



Zwei Schritt vor, ein Schritt zurück.



Meine Gedanken verflechten sich unkontrolliert zu einem großen Schirm, der mich umgibt. Nur molekülartige Bruchstücke verlieren sich im Chaos und ziehen verspielt an den Fäden.



Zwei Schritt vor.



Ich höre genau hin und folge weiter der Melodie. Metallisch und doch sanft ruft sie mich und führt mich zum Karussell ohne Wiederkehr.
Fast mechanisch lasse ich mich gleiten und vergesse alles, was hinter mir liegt.



Ein Schritt vor.



Zwei Schritt vor.



Ich horche und lasse mein Herz selbst zur Spieluhr werden. Es antwortet mit Noten und Linien, doch verstehen tu’ ich’s nicht. Ich folge dem Schlüssel und suche und suche, doch ich finde es nicht. Schaue nach rechts, schaue nach links. Ein Schritt nach rechts, ein Schritt nach links.

Über mir ein Wirrwarr einzelner verketteter Wörter, die nicht ganz zusammen passen und doch den Weg in die Freiheit nicht finden. Oh nein, mein Schirm! Die Farben fließen zu Boden und verlieren sich, sodass er verblasst bis zum kompletten Verschwinden. Mich fröstelt’s und ich suche Schutz, doch so ganz ohne Gedanken, ohne meinen Schirm finde ich nichts.


Ich will hier weg.


Ich lege meine Hände auf den Hut und setze ihn ab.

Nun stehe ich hier. So ganz ohne Hut.

Ich schaue mich um.

Zwei Schritt zurück.

Meine Flügel verlieren sich in den ungesättigten Farben.


Ich war Kind und bin es immer noch.

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